Wandern auf wilden Wassern
Ein Sommertag im Kanu auf der Oertze
Mann über Bord! Frau über Bord! Kind
über Bord! Diese und andere
Horrorgeschichten hatte ich über vergangene Kanutouren des CVJM Arche
Sarstedt gehört. Von kippenden und kenternden Kanus, von exzessiver
Feuchtigkeit von unten und von oben, sowie von durchnäßter
und vergessener Ersatzkleidung mit anschließenden Erkältungskrankheiten
hatte man mir berichtet. Und da wollte ich wirklich mitmachen?
Die Kanus werden abgeladen....
Ein Quentchen Spaß mußte offensichtlich
doch dabei sein, wenn auch in diesem Jahr wieder eine Kanu-Tour der "Arche"
auf der Oertze
stattfinden sollte. Das wollte ich einfach selber mal erfahren, und so
traf ich
mich mit einigen wagemutigen Mitstreitern am Morgen des 28.07.2001 am
Sarstedter "Klecks", um gemeinsam zum Abenteuer "Wandern
auf wilden Wassern" aufzubrechen. Der Tag begann bei herrlichstem
Sonnenschein, warm und trocken, schon mal vielversprechend. Alles deutete
darauf hin, daß wir in diesem Jahr zumindest von oben trocken bleiben
würden. Unser erstes Etappen-Ziel war das CVJM-Gästehaus in
Oldau, wo einerseits die restlichen Wasser-Abenteurer auf uns warteten
und wir andererseits die Kanus abholen wollten. "Wieviele Schwimmwesten
braucht Ihr?" fragte uns die dortige Heimleiterin. Das klang nach
den Sicherheitsvorkehrungen für eine Fahrt auf einem reißenden,
grausamen, metertiefen Wildwasser-Fluß!
Erste
Paddelversuche...
Unterdessen wurden die fünf benötigten
Kanus auf dem Anhänger reisetauglich befestigt. Nach kurzer Fahrt
erreichten wir den Startplatz an der Oertze. Dort war schon eine Menge
los! Zahlreiche Paddelfreunde bereiteten sich auf ihre "Einschiffung"
vor und versperrten uns teilweise den Weg, um unsere Kanus an den Fluß
zu bringen. Zunächst konnte ich dabei lernen, wie ver... schwer so
ein Kanu sein kann. Wir schleppten die Boote in Richtung Ufer, und da
sah ich sie zum ersten Mal von Nahem: Die Oertze! Das sollte also der
lebensgefährliche wilde und große Fluß unserer Abenteuer
sein?
Hahahihihoho...!!! Ein kleines ruhiges Flüßchen, das eher an
einen Bach
erinnert als an einen großen Fluß, und so niedrig, daß
man sogar darin stehen
könnte. Jedenfalls die Erwachsenen. Das einzige was hier wild ist,
war nicht
etwa die Strömung, sondern die romantische ursprüngliche Uferlandschaft.
Wozu also Schwimmwesten? Wichtiger war es, die Haut mit ausreichend
Sonnenschutzmittel einzucremen. Denn die Sonne brannte förmlich auf
den Pelz!
Endlich
geschafft....
Da wünschte man sich glatt ein paar Wasserspritzer zur Abkühlung.
Nachdem wir auf den Rest gewartet haben, die ein Auto zum Landeplatz nach
Winsen an der Aller brachten, konnten wir endlich unsere Kanus zu Wasser
lassen und der Spaß beginnen. So starteten wir, sanft dahin gleitend,
von der leichten Strömung getrieben auf dem urigen Flüßchen
und genossen den Moment. Mit den Paddeln nachhelfen mußten wir eigentlich
nur in den Flußwindungen. Nun gut, davon gab es eine Menge. Auch
zahlreiche Büsche, Bäume und Sträucher hingen derart dicht
über dem Wasser, daß es diese Hindernisse zu umpaddeln oder
darunter durch zu manövrieren galt. Hierbei traten zum Teil ungeahnte
Talente zum Vorschein. Oder aber auch unerwartete Lachnummern derer, von
denen man es eigentlich nicht erwartet hätte. So stellte sich bald
heraus, wer Paddelprofi und wer es nicht war. Ich saß mit Karin
Nußhär in einem Kanu, da das frisch vermählte Ehepaar
der Meinung war, durch die Aufteilung in unterschiedliche Boote eine vorzeitige
Scheidung vermeiden zu können. Die Entscheidung führte auf jeden
Fall dazu, daß wir in unserem Kanu, trotz weitreichender Unerfahrenheit,
als talentiertes Paddel - Dreamteam glänzen konnten. Gut, manchmal
haben wir uns auch beide Flußufer angesehen, indem wir von der einen
Böschung zur anderen manövrierten.
Wir
hatten super Wetter
Das lag aber lediglich an unserem Interesse für die überaus
schöne Natur am
Flußrand! Sorgen machten wir uns hingegen um das Kanu von Thomas,
der ein Team mit Frank bildete. Auf die beiden mußten wir häufig
warten. Denn deren grobmotorischen Steuerungen ließen nichts Gutes
erahnen. Während Thorben samt Freundin in professionellem Stil stets
weit voraus paddeln konnten, amüsierten wir uns köstlich über
das Boot von Sabine, Karin Lüpke und Heinz. Der Mann übernahm
nicht nur die Verantwortung, sondern auch die Aufgaben eines Steuermannes.
Während die Mädels paddelten was das Zeug hält, konnte
sich Heinz bequem zurücklehnen, stets einen Paddel im Wasser halten
und die Richtung vorgeben. Dennoch hörte man häufig, manchmal
auch aus weiter Ferne, panische "Heeiiiinz" - Rufe. Klar, daß
das nichts mit der Steuerung des Bootes zu tun hatte, sondern offensichtlich
ausschließlich mit der schwachen Paddelleistung der beiden Damen.
So erklärte es uns Heinz jedenfalls später. Er hätte schließlich
seinen Job gut gemacht. Problemlos klappte es dagegen bei Manu und Reinhard.
Hier waren urwalderfahrene Profis am Werk, die jedes Krokodil umfahren
konnten. Oder waren es doch nur Baumstämme? Plötzlich hat sich
der Himmel zugezogen. Sollte nun doch noch die Feuchtigkeit von oben kommen?
Alle nach dem Mittagessen
Etwa auf der Hälfte der Strecke suchten
wir uns eine Weide zum Rasten aus. Zwischen Kuhfladen tauschten wir das
mitgeführte Proviant beim Picknick aus. Auch hier zeigten sich wiederum
ungeahnte Talente, was das Zubereiten von diversen leckeren Kaltspeisen
wie Cevapcici, Frikadellen (kleine Büffelflöhe und große
Elefantenpopel), kleinen Schnitzelchen und verschiedenen Salaten betraf.
Gestärkt konnten wir uns nach etwa einer halben Stunde wieder auf
den Weg machen. Die ersten Regentropfen erwischten uns. Das waren aber
auch
gleichzeitig die letzten. Denn der große Regen blieb aus. Und so
schipperten
wir gemütlich die restliche Strecke auf der Oertze mit den bereits
bekannten
"Heeeiiiiinz" - Rufen und dem ständigen Warten auf Thomas
und Frank, bis wir
auf die Aller und zum Zielort Winsen kamen. Es zeigte sich, daß
die Oertze ein
wirklich wild romantisches, ruhiges, gemütliches und vor allem sehr
schönes
ursprüngliches Flüßchen ist, denn die Reststrecke auf
der Aller war dagegen
eher langweilig. Außer, daß der Weg von einem zum anderen
Ufer hier doch etwas weiter war, und daß hier größere
Motorboote und Ausflugsdampfer umschifft werden mußten. Als wir
nach ca. vier Stunden am Ziel wieder an Land gingen, strahlte die Sonne
bereits wieder, als hätte sie uns an diesem Tag nie verlassen. Ein
wenig erschöpft, aber überglücklich über die abgelieferten
Leistungen stellten wir am Ende dieser Tour fest, daß im Gegensatz
zum letzten Mal niemand über Bord gegangen ist und kein Kanu kenterte!
Es muß sich in diesem Jahr wohl doch um Profis gehandelt haben!
Und außerdem hatten wir ja auch Heeeeiiiiiinz!!! Nachdem die Kanus
aus dem Wasser geholt, auf den Anhänger verfrachtet und wohlbehalten,
wenn auch um einige Kratzer mehr, wieder nach Oldau gebracht worden waren,
schlossen wir diesen wunderschönen, abenteuerlichen Tag, an dem sicher
alle ihren Spaß hatten, in einer Eisdiele in Winsen ab. Zugegeben,
neben einem Muskelkater hat mich das Paddelfieber voll erwischt und ich
kann es kaum bis zur nächsten Tour erwarten...
Diccy
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